„Wer die Vergangenheit nicht beachtet, kann auch keine richtigen Schlüsse für die Zukunft ziehen.“

Unser ehemaliger Bürgermeister Martin Richard hat mir bei einem gemeinsamen Stadtrundgang eindrucksvoll geschildert, welche Veränderungen unsere Alt- und Innenstadt in den letzten Jahrzehnten wesentlich geprägt haben. Aufgrund seiner umfangreichen Erfahrung als Stadtplaner und langjähriges Stadtoberhaupt Limburgs konnte Martin Richard hierbei versiert und detailliert wie kein anderer sprichwörtlich aus dem „Nähkästchen plaudern“.

Beim Start unseres Stadtrundganges an der „Pusteblume“ berichtete Martin Richard, dass sich v.a. der frühere Bürgermeister und Ehrenbürger Josef Kohlmaier für die Verlagerung von drei Schulen und der Feuerwehr aus dem heutigen Verwaltungs- und Kulturzentrum Limburgs  eingesetzt hat, um Platz für Stadthalle, Rathauserweiterung, Volksbank, Geschäfts- und Wohnbauten sowie die Tiefgarage und die „Pusteblume“ zu schaffen.

Ende der 60er-Jahre haben viele Städte den Abriss der alten Bausubstanz und den Ersatz durch Neubauten geplant und durchgeführt.

Für Limburg habe sich Dr. Schirmacher als Glücksfall erwiesen, da er sich für eine weitgehend erhaltende Sanierung der denkmalgeschützten Fachwerkstadt eingesetzt und diese auch über Jahrzehnte planerisch begleitet habe. Dennoch wurden in einzelnen Bereichen Neugestaltungen vorgenommen. Im Bereich Schießgraben/Rosengasse entstanden so Wohnungen für Altstadtbewohner, die im Zuge des Sanierungsprozesses ihre Wohnung in der Altstadt verloren hatten.

1978 wurde auf dem Gelände des früheren Gartens des „Walderdorffer Hofes“ ein Park- und Garagenhaus für Besucher und Bewohner der Altstadt gebaut. Dass man die Flachdachfläche des Parkhauses zur Ansiedlung von „C&A“ (heute „Woolworth“) und zur Errichtung von acht altstadtgerechten Wohnhausneubauten genutzt hat, ist ein gutes Beispiel dafür, wie man Stadtentwicklung betreiben kann, ohne zusätzliche Fläche zu versiegeln.

Die Umwandlung einer Gewerbebrache unter Einbeziehung historischer Bausubstanz in eine Seniorenwohnanlage wurde an der Ecke Konrad-Kurzbold-Straße/Brückengasse realisiert.

Auf dem Neumarkt angekommen, waren Martin Richard und ich eindeutig der Meinung, dass die dortigen Platanen auch bei der künftigen Neuplanung stehen bleiben sollten.

Schade ist es, dass der alte Bahnhof aus wilhelminischer Zeit nicht erhalten blieb und durch einen Neubau ersetzt wurde. Der heutige Bahnhofsplatz ist mit den Zentralen Busbahnhöfen dennoch ein weitgehend gelungener, zweckdienlicher „Rendevouz-Platz“ für den ÖPNV mit Bahn- und Regional- sowie Stadtbusverkehr.

Schlusspunkt unseres Rundganges war die „WERKStadt“. Während sich vor ca. 15 Jahren noch die Frage stellte, was mit 80.000 qm brachliegender Grundstücksfläche und der 26.000 qm großen, denkmalgeschützten Werkhalle geschehen sollte, ist das heutige Einkaufs- und Freizeitzentrum aus der Limburger Innenstadt nicht mehr wegzudenken. Auch die zahlreichen Parkplätze auf dem „WERKStadt“-Gelände sowie die innenstadtnahen Wohnungen entlang der Diezer Straße werten Limburgs City auf.

Martin Richard berichtete mir abschließend noch darüber, dass es in den 70er-Jahren größere Planungen gab, die politisch nicht befürwortet und entsprechend nicht umgesetzt wurden. So wurde beispielsweise die Schaffung einer „zweiten Ebene“ in der gesamten innerstädtischen Fußgängerzone einschließlich Neumarkt verworfen; ansonsten hätten wir dort heute eine untere Ebene für den Autoverkehr und eine obere Ebene für Fußgängerinnen und Fußgänger. Ebenso wurde eine Hochstraße entlang der evangelischen Kirche abgelehnt und stattdessen der Schiedetunnel gebaut.

Diese Einblicke in die Geschichte und die Geschichten der Limburger Stadtentwicklung haben den Rundgang mit Martin Richard für mich zu einem besonderen Erlebnis gemacht und mich wiederum davon überzeugt, dass in unserer Stadt noch sehr vieles #machbar ist.